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Bremen ist nicht Babylon: Interview mit der taz

taz: Herr Zachcial, Bremen ist nicht Babylon. Warum nennen Sie Ihr Graffiti-Projekt "Menetekel" - als ob hier statt Herrn Böhrnsen König Belsazar auf dem Thron säße?

Michael Zachcial: Als damals im alten Babylon bei König Belsazars Gastmahl die rätselhaften Buchstaben an der Wand erschienen, saßen dort die Mächtigen genauso zu Tische wie heute in Bremen beim Schaffermahl. Auch sie können nicht verhindern, dass an den Wänden plötzlich Zeichen auftauchen, die sie ärgern oder sogar erschrecken. Und sie können sie genauso wenig deuten.

taz: Nun sind auch nicht alle jugendlichen Sprayer prophetisch begabt.

M. Z. : Nein, aber ihre Tags, Styles und Sprüche spiegeln sehr genau die gesellschaftlich relevanten Themen. Wir haben bisher etwa 600 Graffiti im Bremer Stadtgebiet dokumentiert und sind dabei, deren Botschaftenauszuwerten. Es sind auffällig viele antifaschistische Aussagen darunter, was auch einen Rückschluss über die offenbar sehr reale Bedrohung durch Rechtsextreme zulässt. Die Überwachung des öffentlichen Raums ist ein anderes starkes Thema, etwa als "Stasi 2.0"-Stencil.

taz: Sie sagen, Graffiti-Botschaften müssen wichtig und bedeutend sein, sonst würden die Sprayer nicht die entsprechenden Risiken in Kauf nehmen. Ist das möglicherweise eine Projektion?

M. Z.: Natürlich ist nicht alles toll, was da an die Wände kommt, manchmal sieht es nach bloßer Revier-Markierung aus. Aber angesichts der Vereinnahmung des öffentlichen Raums etwa durch Werbeslogans kann man schon sagen: Die Sprayer setzen ihre eigenes Ding dagegen. Sie wehren
sich gegen die Normierung des öffentlichen Raums, in dem alle das gleiche toll finden und kaufen sollen. Und das wird hart geahndet in einer Gesellschaft, in der Privateigentum das Allerheiligste ist.

taz: Graffiti finden sich aber ebenso oft an öffentlichem Eigentum. Wenn zum Beispiel ein Zugfenster zugesprayt ist, nervt das schon.

M. Z.: Klar. Trotzdem sehe ich Graffiti nicht primär als Sachbeschädigung, sondern als Kommunikationsform. Im Prinzip hat das auch etwas mit der open source-Idee zu tun: Straßenkunst wird verschenkt.

taz: Sie schlagen den zeitlichen Bogen nicht nur nach Babylon, sondern über die "Zigeuner"-Zinken sogar bis zurück zur Höhlenmalerei. Ist das nicht ein etwas weit gefasster Rückgriff?

M.Z.: Das Gemeinsame ist, das ungefragt und meist anonym visuelle Botschaften auf öffentlich zugänglichen Oberflächen hinterlassen werden. Insofern ist es sozusagen ein archaischer Vorgang, wenn Leute aus dem Jugendzentrum, ihrer "Höhle", hinaus gehen und die Stadt im Stil einer
Wandzeitung nutzen.

taz: Im Rahmen Ihres Menetekel-Projekts suchen Sie auch akustisch nach autonomen Kulturäußerungen von Kindern und Jugendlichen - und verweisen dabei wiederum auf die seit der Antike verbreitete Stegreifdichtung.

M. Z.: Mir geht es um den Unterschied zwischen Liedern und Versen, die sich Erwachsene für ihren pädagogischen Umgang mit Kindern ausgedacht haben, und andererseits von Kindern selbst verfassten Texten. Was Rolf Zuckowsky oder - noch schlimmer - Detlev Jöcker machen, hat ja mit
Liedern von Kindern nichts zu tun. Zur historischen Verortung: Rap hat seine Wurzeln in der Tat auch in der Stegreifdichtung, bei den Rastafari ist die Rückbesinnung auf die babylonische Gefangenschaft ein großes Thema. Man denke nur an Bob Marley´s Song "Babylon System", in dem er den Kapitalismus als einen blutsaugenden Vampir bezeichnet.

taz: Okay. Aber was gibt es von den Kindern selbst?

M.Z.: Ich glaube schon, dass es trotz Fernsehen und Computern unter Kindern noch so etwas wie eine mündliche Tradition gibt, etwa in Gestalt von Witzen oder Abzählreimen. Dabei wird gerne die Erwachsenenwelt kommentiert, zum Beispiel: "Auf einem Klavier / steht ein Glas Bier / wer daraus trinkt / der stinkt". Oft hat das auch eine sexuelle Komponente, doch dazu gibt es extrem wenig Literatur. Ernest Bornemanns "Studien zur Befreiung des Kindes", für die er unter anderem mit einem
Kassettenrekorder auf Spielplätzen Material gesammelt hat, sind längst vergriffen.

taz: Und wie gehen Sie jetzt vor?

M. Z.: Ich schaue, was in Schulen auf Bänken und Wänden zu finden ist, gehe in den Unterricht, interviewe und hoffe außerdem, dass mir Ihre LeserInnen etwas zuschicken. Meine Ausgangshypothese ist, dass sich die soziale Spaltung der Stadt auch in den Kinderversen widerspiegelt. Wie drückt sich zum Beispiel Armut in den Spielen der Kinder aus?

taz: "Menetekel" ist ein breit angelegtes Kooperationsprojekt. Reicht die Zusammenarbeit bis hin zur entsprechenden SoKo der Bremer Polizei?

M.Z.: Nein. Aber das Projekt wird unterstützt von der Arbeitnehmerkammer, und in der Stadtbibliothek werden die Ergebnisse im März ausgestellt. Es geht um Lebenswelten, die für viele Ältere nicht verständlich sind, obwohl sie überall sichtbar sind.

Interview: Henning Bleyl , taz, 4.12.2008


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Die zugehörige Ausstellung war vom 6. März bis zum 14. April 2009 in der Stadtbibliothek Bremen zu sehen.
Gesamtkonzeption: Michael Zachcial - mit Unterstützung der Arbeitnehmerkammer Bremen,
der Stadtbibliothek Bremen und Racaille Verte


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